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Theaterkreis in Zeiten von Corona

Theaterkreis in Zeiten von Corona

„Die Welle“ – eine Form des Gedenkens an den Holocaust

Deutschland im April 1945 – die Kapitulation steht kurz bevor. Alliierte Soldaten machen dem Naziterror ein Ende und befreien die Überlebenden aus den Konzentrationslagern.

Als Soldaten sind sie Schrecken und Tod gewohnt, aber was sie in Auschwitz, Dachau und den anderen Lagern zu sehen bekommen, übersteigt menschliches Vorstellungs­ver­mö­gen. Darauf kann niemand vorbereitet sein. Und doch wurde unter dem Naziregime daran gearbeitet, Arbeitslager und Todeslager zu errichten. Chemiker, Mathematiker, Architekten usw. stellten ihre Dienste zur Verfügung, wissend, dass Millionen Frauen, Männer, Kinder getötet werden würden.

Deutschland im April 2020 – 75 Jahre sind vergangen seitdem – die Überlebenden von da­mals sind entweder bereits gestorben oder sehr alt. Es sind die letzten Zeitzeugen.

Wir Nachgeborene brauchen dringend ihre Zeugenschaft, ihre Erinnerungen als Mahnung. Wir werden, wenn es diese Menschen nicht mehr gibt, selber diejenigen sein, die mahnen sollen in die nächste Generation hinein.

Das war auch ein Grundgedanke, als wir vor knapp einem dreiviertel Jahr mit dem jetzigen Theaterkreis an den Start gingen – es sollte ein Stück sein, das erinnert an die unfass­ba­ren Grausamkeiten des Naziterrors, der im Holocaust gipfelte, und an die Befreiung vor 75 Jahren. Es sollte ein Stück sein, das uns alle mahnt, Derartiges niemals mehr zuzulassen. In Zeiten von Rechtsruck, rechten Aufmärschen, offener Hetze gegen Andersdenkende und gegen Hilfsbedürftige, ja sogar Anschlägen auf Synagogen empfanden wir diese Mah­nung als besonders dringlich.

Wir einigten uns nach langer Diskussion auf das Stück „Die Welle“, das auf dem Roman des Amerikaners Morton Rhue beruht. 1967 wurde dieses Experiment tatsächlich von Ron Jones (der echte Mr. Ross bzw. Herr Klein) mit Schülern einer kalifornischen Schule durch­geführt.

Im Stück wird die Frage aufgeworfen, wie es möglich ist, dass ein Volk blind einem Führer in eine menschliche Katastrophe folgt und sich passiv wie aktiv an der Vernichtung von Men­schen beteiligt. Die „Welle“ genannte Bewegung zeigt, dass es jederzeit wieder pas­sieren kann – es braucht nur einen Verführer und eine Gruppe, die sich verführen lässt.

Wir bauten ein Wochenende lang am Bühnenbild – angelehnt an das Holocaustmahnmal in Berlin –, beschäftigten uns mit den Rollen des Stücks, schrieben weitere Rollen dazu, vertieften uns in die Dynamik des Experiments, das dem Lehrer zu entgleiten droht, und der steigenden Begeisterung der ihm untergebenen Schüler. Wir suchten und fanden Spon­soren. Wir schrieben ein Programmheft. Wir entwarfen ein Plakat.

Am 11.5. um 19.30 Uhr wäre die Premiere unseres Stückes gewesen.

Doch dann kam Corona und mit dem Virus das vorläufige Ende der nahen Begegnungen. Keine Treffen mehr, keine Proben mehr, keine Aufführung. Stundenlange Bühnenbauwochenenden mit Hämmern, Werkeln und Streichen, Texte auswendig lernen und den Ablauf auf der Bühne proben; alles umsonst?

Und nun? Nach der sich erst verbreiteten Enttäuschung unter uns Schülerinnen und Schülern sowie den beteiligten Lehrkräften entschlossen wir uns, aus der Not eine Tugend machen: Wir wollten dranbleiben und versuchen, doch noch ein gemeinsames Produkt zu gestalten und erinnernd tätig zu werden. Und so wurden Ideen für eine neue Umsetzung unseres Stückes gesammelt. Die erste Idee, einen Film zu drehen, wurde schnell verworfen, da so die Mindestabstände und andere coronabedingte Regeln nicht eingehalten werden könnten. Dann kam die Idee auf, aus unserem Theaterstück ein Hörspiel zu machen. Dafür mussten teilweise Dialoge verändert und vor allem Geräusche zur Verdeutlichung der Szenerie ergänzt werden. Aufgrund der Kontaktbeschränkung kamen immer nur so viele Schüler*innen zusammen, wie in der geplanten Szene vorkamen. Für eine gute Tonqualität und einen ausreichenden Infektionsschutz saß dabei jeder vor einem eigenen Mikrofon, welches dann mit einer Tüte geschützt wurde. Aufgenommen wurde in der Stadthalle, um Störgeräusche zu vermeiden und genügend Abstand halten zu können. Zunächst haben wir parallel zur Aufnahme der Dialoge die Geräusche eingefügt. Diese reichten von einfachen Schritten und Türenknallen bis hin zu Blätterrascheln. Später haben wir die Geräusche getrennt aufgenommen und nachträglich eingefügt. Die einzelnen entstandenen Aufnahmeschnipsel wurden von einigen Schüler*innen zusammengeschnitten, sodass am Ende zwei Hörspiele entstanden sind; so sind beide Besetzungen beteiligt und zu hören.

Die diesjährigen Aufführungen mussten zwar abgesagt werden, aber das Hörspiel ist eine schöne Alternative und ein kleiner Trost, nicht alles umsonst gemacht zu haben.

Aus lizenzrechtlichen Gründen können wir unser Hörspiel allerdings leider nicht in der Schulöffentlichkeit verbreiten, so dass die Aufnahmen nun nur als kleine Erinnerung für die Schülerinnen und Schüler des Theaterkreises dienen. Schade.

Wir hoffen aber dennoch, dass diese widrigen Umstände und die derzeitige Krise uns alle nicht davon abhalten, unser Erinnern wachzuhalten und aus den unmenschlichen Taten der Vergangenheit zu lernen, damit wir auch in zukünftigen Krisen und in schweren Zeiten mit-menschlich bleiben und uns nicht verführen lassen.

Der Theaterkreis 2020