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Werdet meine Zweitzeugen!

Werdet meine Zweitzeugen!

Zum fünften Mal besuchte die Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende Eva Weyl das Georg-Forster-Gymnasium. Es begleitete sie Anke Winter, deren Großvater Kommandant im Sammellager Westerbork war. Vor einigen Jahren erfuhr Eva Weyl nur zufällig von Frau Winter, als Frau Winters Sohn an einer Führung mit Frau Weyl teilnahm.

Eva Weyl nahm damals Kontakt zu Familie Winter auf. Gemeinsam mit Anke Winter stellte sie fest, dass sie beide Opfer desselben Mannes geworden waren. Anke Winter erklärte, noch heute sei es für die Familie Winter eine Last, insbesondere, da in der Familie nie über ihre Vergangenheit gesprochen worden sei. Bis heute habe Frau Winter den Prozess der persönlichen Verarbeitung noch nicht abgeschlossen.

Eva Weyl (84 Jahre) gehört zu den fünf Prozent der Gefangenen, die das Sammellager Westerbork überlebten. Während der Veranstaltung berichtete sie über ihre Lebensgeschichte als Jüdin in Deutschland und in den Niederlanden, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus.

Sie begann mit Erzählungen über einzelne Vorfälle, die sie als Kind miterleben musste, und schilderte dann ihre persönlichen Eindrücken vom Leben und der Angst im Sammellager Westerbork, das nahe der deutsch-niederländischen Grenze liegt. Immer wieder zeigte sie persönliche Fotos von sich und ihrer Familie, die die Schülerinnen und Schüler sichtlich beeindruckten, so still war es. Frau Weyl erzählte nicht nur über traurige Schicksalsmomente, sondern auch über Momente, in denen sie sich glücklich schätzte. So schaffte sie es, die Schüler in den richtigen Momenten zum Schmunzeln zu bringen.

Anke Winter kann als Enkelin weniger vom Lagerkommandanten als vielmehr vom Großvater Albert Konrad Gemmeker berichten, der ihr eher distanziert erschien. Dieser war indirekt für den Mord von 80.000 Juden in Sammellager verantwortlich. Er sorgte dafür, dass wöchentlich auf qualvolle Weise Juden von Westerbork in Konzentrationslager im Osten deportiert worden. „Ich bin nicht hier, um meinen Großvater zu vertreten oder zu rechtfertigen“, betont sie. Ihr sei es wichtig zu zeigen, dass wir als Enkel oder Urenkel keine Schuld für die Taten tragen, aber Verantwortung übernehmen können. Beiden Frauen ist es wichtig zu zeigen, dass die Nachfahrinnen und Nachfahren von Tätern und Opfern eine gemeinsame, gute Zukunft gestalten können.

„Ihr seid die Zweitzeugen“, betonte Frau Weyl zum Abschluss. Ihr sei es besonders wichtig, dass die jungen Schülerinnen und Schüler ihre Geschichte weitertragen und nicht in Vergessenheit geraten lassen. Aus diesem Grund besucht sie jährlich um die fünfzig Zeitzeugenveranstaltungen und spricht an Gedenktagen über unsere Verantwortung, die Zukunft zu gestalten.

Melina Müller, Q2

Im WDR kann man sich ein Interview mit Frau Weyl anhören: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr2/audio-kind-zum-kriegsende-heute-erzaehlt-sie-schuelern-vom-schrecken-100.html.